Eiskalte Geopolitik (I) 15.03.2016 BERLIN/OSLO/WASHINGTON

Eiskalte Geopolitik (I)

15.03.2016

BERLIN/OSLO/WASHINGTON

(Eigener Bericht) – Bei einem zur Zeit in Norwegen stattfindenden NATO-Manöver mit Beteiligung von Eliteeinheiten der Bundeswehr wird der Einsatz von Kernwaffen gegen Russland trainiert. Die Übung unter der Bezeichnung „Cold Response“ („Kalte Antwort“) beinhaltet den Einsatz von Kampfflugzeugen des Typs „B-52“, die speziell für den Abwurf von Atombomben vorgesehen sind. Es gehe darum, die „nukleare Abschreckung“ gegenüber Moskau zu verstärken, erklärt der Oberbefehlshaber des Strategischen Bomberkommandos der US-Armee, Admiral Cecil D. Haney. Parallel zu „Cold Response“ üben Atom-U-Boote der US-Marine das Aufspüren feindlicher Unterwasserfahrzeuge im Polarmeer, um eine vermeintlich von Russland betriebene „Militarisierung der Arktis“ zu kontern. Die Bundeswehr wiederum nutzt „Cold Response“ für das Training ihrer auf Gewaltoperationen hinter den feindlichen Linien spezialisierten Truppenteile – beteiligt ist unter anderem das in illegale Tötungen in Afghanistan involvierte Kommando Spezialkräfte (KSK). Dieses erfülle seine Übungsaufträge in Norwegen „vorzugsweise ohne Publikum und bei Dunkelheit“, heißt es.

Simulierter Atomkrieg

Die Bundeswehr beteiligt sich mit Eliteeinheiten an dem NATO-Manöver „Cold Response“, das bis zum 22. März in der mittelnorwegischen Region Trøndelag stattfindet. Integraler Bestandteil der Übung ist der simulierte Einsatz von Kernwaffen zur Verteidigung gegen eine vermeintliche russische Aggression. Zu diesem Zweck flog die US-Luftwaffe eigens drei Langstreckenkampfjets vom Typ „B-52“ ein, die auf den Abwurf von Atombomben spezialisiert sind. Wie der Oberbefehlshaber des Strategischen Bomberkommandos der USA, Admiral Cecil D. Haney, erklärte, seien die „B-52“ unabdingbar für die „globale Machtprojektion“ des westlichen Militärbündnisses und fügten der „nuklearen Abschreckung“ gegenüber Russland ein weiteres wichtiges Element hinzu.[1] Die norwegischen Streitkräfte betonen ihrerseits, sie hätten „gute Erfahrungen“ mit der „Feuerunterstützung“ durch „B-52“-Bomber gemacht – bei ihren Kriegsoperationen in Afghanistan.[2]

Klimatisierte Höhlen

An „Cold Response“ beteiligen sich auch Einheiten der US-Marineinfanterie, die eigens für Landungsoperationen in fremdem Hoheitsgebiet vorgesehen sind und regelmäßig mit scharfer Munition trainieren. Sie können in Norwegen auf eine Vielzahl klimatisierter Höhlen unweit der Grenze zu Russland zurückgreifen, in denen das US-Militär Waffensysteme für bis zu 15.000 Soldaten lagert – darunter Kampfpanzer und amphibische Fahrzeuge. Laut einem Sprecher der US-Marines kennt sich die Elitetruppe mit den Kampfbedingungen in Wüstengebieten mittlerweile sehr gut aus und bereitet sich nun auf die Kriegsführung in Zonen „extremer Kälte“ vor.[3]

Winterkampf bei Dunkelheit

Analog äußert sich die Bundeswehr zu „Cold Response“. Gemeinsam mit 14.000 Soldaten aus NATO-Ländern und den formal neutralen Staaten Schweden und Finnland wolle man in Norwegen die „Fähigkeiten im Winterkampf“ schulen, heißt es. Passend zum Aufgabenspektrum der US-Marineinfanterie geht es den deutschen Streitkräften zufolge denn auch darum, unter widrigen klimatischen Bedingungen „die Voraussetzungen für eine große amphibische Landung zu schaffen“. Im Fokus der Übung stehe darüber hinaus das „Zusammenwirken“ von konventionellen Truppenteilen und Eliteeinheiten, die für verdeckte Kommandooperationen hinter den feindlichen Linien vorgesehen sind.[4] Hierbei kommt unter anderem das in illegale Tötungen in Afghanistan involvierte Kommando Spezialkräfte (KSK) zum Einsatz. Wie die Bundeswehr mitteilt, handele es sich bei „Cold Response“ zwar um eine „freilaufende Übung“, in deren Folge Soldaten auf öffentlichen Straßen, Parkplätzen oder Tankstellen immer wieder mit der Zivilbevölkerung in Kontakt kämen, jedoch gelte dies nicht für die Angehörigen des KSK: „Sie setzen ihre Aufträge vorzugsweise ohne Publikum und bei Dunkelheit um.“[5]

Beeindruckendes Portfolio

Neben dem KSK ist auch die im niedersächsischen Seedorf stationierte Luftlandeaufklärungskompanie 310 bei „Cold Response“ vertreten. Wie das KSK gehört die Einheit der „Division Schnelle Kräfte“ an und ist laut Bundeswehr binnen 72 Stunden „in allen Klimazonen und allen Geländeformen einsetzbar“; in Vorbereitung auf „Cold Response“ haben ihre Angehörigen eigens eine „spezielle Arktisausbildung“ durchlaufen.[6] Aufgabe der Truppe ist das Ausspähen feindlicher Stellungen, um anderen „Spezialkräften“ die notwendigen Informationen für Angriffsoperationen zu liefern. Hierfür stehen der Einheit nicht nur Bodensensoren und Radar, sondern auch Drohnen zur Verfügung. Ihr „Portfolio“ sei damit „in der Tat beeindruckend“, erklärt die Bundeswehr.[7]

Infiltration

Schon 2014 waren sogenannte Fernspäher der deutschen Streitkräfte an „Cold Response“ beteiligt. Wie die Bundeswehr seinerzeit mitteilte, verfüge die Spezialeinheit nicht nur über eine „große Durchhaltefähigkeit“ auf fremdem Boden, sondern könne auch „autark operieren“ und „mittels unterschiedlicher Verbringungsarten zu Lande, Wasser und in der Luft an das geforderte Zielobjekt herankommen“. Dank einer „Eindringtiefe von rund 100 Kilometern in gegnerisches Territorium vor der eigenen Truppe“ stelle sie „für den Informationsbedarf der übergeordneten Führung eine einzigartige Aufklärungsquelle“ dar, hieß es. Die besagte „Infiltration“ diente bei „Cold Response 2014“ offenbar nicht zuletzt dem tagelangen Ausspähen einzelner Angehöriger der feindlichen Streitkräfte zur Vorbereitung gezielter Tötungen: „Wichtig ist es, auch am fünften Tag noch hellwach zu sein, um beispielsweise … die wichtige Person nicht zu verpassen, die gerade über eine Brücke fährt.“[8]

Zankapfel Arktis

Parallel zum diesjährigen „Cold Response“-Manöver hat die US-Marine unter der Bezeichnung „Ice Exercise“ eine Übung mit Atom-U-Booten im Polarmeer gestartet. Trainiert werde das „Aufspüren“ feindlicher Unterwasserfahrzeuge, um eine Russland zugeschriebene „Militarisierung der Arktis“ zu kontern, erklären führende Vertreter der US-Armee.[9] Laut einer offiziösen US-amerikanischen Militärzeitung besteht zwischen „Cold Response“ und „Ice Exercise“ eine direkte Verbindung: „Zusammengenommen unterstreichen die beiden Manöver, dass es sich bei der Arktis um eine Interessensphäre handelt, deren Zukunft – bedingt durch das Abschmelzen der Polkappen – von der Konkurrenz um lebenswichtige unterseeische Ressourcen geprägt sein dürfte. Das Gebiet könnte zum Zankapfel zwischen den USA und Russland werden.“[10]

[1] In a rare deployment, B-52 bombers head to Europe for training exercises. http://www.stripes.com 02.03.2016.
[2] B-52 kicked off the exercise. forsvaret.no 02.03.2016.
[3] What happens when Marines go to Norway? ‚The Fast and the Furious‘ on ice. In tanks. http://www.washingtonpost.com 18.02.2016.
[4] Auftakt zu Cold Response: Hoher Norden – hohe Erwartungen. http://www.bundeswehr.de 29.02.2016.
[5] Cold Response: Auf der Straße nach Norden. http://www.bundeswehr.de 04.03.2016.
[6] Auftakt zu Cold Response: Hoher Norden – hohe Erwartungen. http://www.bundeswehr.de 29.02.2016.
[7] Schnelle Aufklärung bei Cold Response. http://www.bundeswehr.de 01.03.2016.
[8] Fernspäher allein in Fjordland. http://www.bundeswehr.de 20.03.2014.
[9] US Navy begins Arctic exercise amid stepped-up criticism of Russia. blogs.wsj.com 02.03.2016.
[10] US conducts submarine drill in Arctic. http://www.stripes.com 03.03.2016.

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