«Putin hat einen sehr guten Humor»

Der russische Präsident Wladimir Putin bleibt für viele im Westen ein Rätsel. Fernsehchefin Margarita Simonjan kennt ihn persönlich. Er sei demokratischer und liberaler als die Mehrheit der Russen. Die Furcht vor einer neuen Expansionspolitik des Kreml sei unbegründet.

Wer so redet, der denkt in Putins Kategorien. Ein paar Fragen. Die Antworten sind dann voller versteckter Schuldzuweisungen.

Wie sehen Sie die aktuellen Vorgänge in der Ukraine?

Ich bedauere zutiefst, was geschieht. Es ist unfassbar. Eben erhielt ich einen Anruf eines Kollegen von einem anderen russischen Fernsehkanal. Seine Reporter sind von der ukrainischen Armee gefangengenommen worden. Sie sagten aus, sie hätten angeblich illegale Aktivitäten verfolgt. Ich will mir nicht vorstellen, was die Ukrainer mit diesen Reportern gemacht haben, um eine solche Aussage zu erhalten. Das ist nicht mehr die Ukraine, die wir kannten und wohin wir gern gereist sind. Die Leute sind verrückt geworden.

Wie gefährlich ist die Lage?

Ich sehe nicht, wie der westliche und der südöstliche Teil der Ukraine noch zusammenleben könnten. In Odessa sind Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. In Mariupol sind friedliche Demonstranten erschossen worden. Die Regierung in Kiew hat die russische Sprache und das russische Fernsehen verboten. Viele russischsprachige Ukrainer bekommen im Südosten keine Pensionen und Gehälter. Wie soll da noch ein Zusammenleben möglich sein? Das ist ein Bürgerkrieg!

Wie wird es weitergehen?

Es wird wohl ein ähnliches Szenario geben wie in Abchasien. Nach dem Krieg mit Georgien erklärte Abchasien seine Unabhängigkeit. Diese wurde allerdings von niemandem anerkannt. Auch die georgische Regierung betrachtet Abchasien immer noch als Teil ­Georgiens. Dabei ist die georgische Währung in Abchasien längst nicht mehr gängig. Es gibt sogar Grenzkontrollen zwischen Georgien und Abchasien. Die Leute leben ihr eigenes kleines Leben.

Welches ist das grösste ungelöste Problem Russlands?

Die Korruption.

Das hat Tradition. Woher kommt das?

Darüber gibt es viele Witze. Schon zu Zeiten Peters des Grossen lief es nach folgendem Muster: «Du bekommst diesen Posten.» – «Und was ist der Lohn?» – «Was, du willst auch noch Lohn?» Es brauchte gar kein Salär. Für das Einkommen sorgten die vielen ­Möglichkeiten der Korruption.

Bekämpft Präsident Putin die Korruption, oder verstärkt er sie?

Ich würde sagen, jeder russische Führer hat versucht, die Korruption zu bekämpfen. Es ist unwahrscheinlich, dass Putin mit dem ­zufrieden ist, was jetzt geschieht.

Waren die Herrscher nicht eher Teil des ­Problems?

Das Problem liegt tiefer: in der Mentalität der Leute. Und die Mentalität zu ändern, das braucht Zeit. Ich spreche nicht von den hohen Tieren, die sind wohl überall korrupt, ­ausser . . . vielleicht in der Schweiz. (Lacht) Es beginnt im Alltag. Nehmen wir an, Sie werden von der Polizei angehalten, weil Sie ein Verkehrsdelikt begangen haben. Sie würden nicht einmal daran denken, den Polizisten zu bestechen. In Russland aber tun es 99 Prozent der Leute. Wenn ein Russe zum Arzt geht oder zum Lehrer seiner Kinder, ist die Reak­tion immer dieselbe: Man gibt Geld. Dann wird die Behandlung besser, und die Kinder bekommen bessere Noten. Erst in den letzten Jahren habe ich Leute sagen hören, sie ­weigerten sich, solche Bestechungsgelder zu zahlen. Bei mir war es genauso: Als ich vom Studium in den USA zurückkehrte, sagte ich: «Ich werde die Polizei nie mehr bestechen.» Alle haben mich ausgelacht.

Und, haben Sie es durchgezogen?

Ja, habe ich, aber heute habe ich einen Fahrer. (Lacht)

Auszug aus einem Interview in Infoblatt: Der Unternehmer
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